BDSM und Bedürfnis

Das ist ein Thema, das mich gerade brennend interessiert.

Auch und vor allem in meiner Rolle als Herrin und bezüglich der Rolle des Sklaven. Ich glaube, dass es auch eine wichtige Rolle spielt in Bezug auf die Kommunikation zwischen den beiden Rollen.

Ich bin sehr gespannt, was ich dazu herausfinden werde und was Sie dazu zu sagen haben.

Die Frage, die ich mir in dem Zusammenhang stelle ist:

Ist das Erleben von BDSM ein Bedürfnis oder ein Wunsch?

Ich meine, dass es als Herrin natürlich nicht darum gehen kann, die Wünsche des Sklaven zu erfüllen, außer vielleicht mal als Belohnung. Oft ist sogar genau das Gegenteil der Fall – der Sklave ist dazu da, die Wünsche der Herrin zu erfüllen.

Aber wenn es um ein Bedürfnis geht, finde ich, dass es durchaus der Ansatz einer kompetenten Herrin sein kann, dieses zu erfüllen. Bedürfnisse haben einen tieferen Ursprung als Wünsche. Das interessiert mich wirklich sehr!

 

 

 

 

Posted on: 2. Juni 2016, by : sharka

18 thoughts on “BDSM und Bedürfnis

  1. Die Basis von SM aus meinem Verständnis (bezugnehmend auf die Audio). Und deswegen geht es natürlich darum, Bedürfnisse zu erfüllen, wobei Bedürftigkeit die kindliche Variante von Bedürfnis ist und zwischen Erwachsenen dann eher einen geschützten und kompetenten therapeutischen Rahmen braucht. Das kann dann auch mit SM funktionieren.

  2. Lieber E. … schon längst habe ich mir zu deinem Beitrag eine – wie heißt das so schön auf meinem Iphone? Sprachmemo gemacht. Die klingt fast ein wenig romantisch und ich zögere, sie hier zu veröffentlichen. Aber ich würd es gerne. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich hier eine Audionotiz einbinden kann.
    Bis dahin schicke ich dir einen herzlichen Gruß.
    So – here it is:
    http://herrin-sharka.de/wp-content/uploads/2016/06/Blog.mp3

  3. Du schreibst, dass es dir als HERRIN nicht darum gehen kann, die Wünsche des SKLAVEN zu erfüllen. Das mag so sein, wenn man vor allem „D/S leben“ in den Focus von bDSm stellt.

    Nach meinem BDSM-Verständnis gehören auch S/M (= reines Painplay), Rollenspiel (u.a. D/S-RollenSPIELE) und Bondage/Fetisch/Sensual Play mit dazu. In all diesen Bereichen ist es der bzw. dem TOP ohne innere Widersprüche möglich, BOTTOM-Wünsche zu erfüllen. (Alternativ kann man statt den Begriffen „Top“ (=“oben“) und „Bottom“ (=“unten“), die ich vor allem aus der privaten BDSM-Community kenne, auch die noch neutraleren Beschreibungen „aktiver Part“ und „passiver Part“ verwenden.)

    Noch wieder anders gestaltet sich die Frage, ob eine DOMINA die Wünsche des Spielgefährten bzw. Kunden erfüllen kann. Dazu muss dann erst der Begriff „Domina“ konkretisiert werden: ist dieses eine „dominante Frau“ (egal ob privat oder professionell, ich kenne die Verwendung dieses Wortes allerdings nur aus dem professionellen Kontext) oder ist dieses eine Berufsbezeichnung für eine aktiv gegen Entgelt BDSM-Dienstleistungen im Allgemeinen (siehe oben) oder nur DS-Verhältnisse anbietende Frau ist.

    Wenn du dich als Herrin = Domina = dominante Frau = D/S-lerin aus Überzeugung verstehst, dann kann ich nachvollziehen, daß du keine „Erfüllungsgehilfin“ sein möchtest. Ich selbst genieße sowohl in meinem privaten BDSM (dabei aktiv + passiv) als auch bei meinem professionellen BDSM (dabei fast ausschließlich aktiv) auch das bewußt gewählte Konzept von „service topping“ sehr und mag es sowohl, wenn meine Tops mir meine Wünsche erfüllen (und wenn ich gar Freierin bin und für eine BDSM-Session bezahle, lege ich sogar expliziten Wert darauf) als auch wenn ich die Fantasien meiner Bottoms umsetze (und dabei teils sehr bewußt eher mit viel rollenspielerischer Leidenschaft „inszeniere“ als mit Naturdominanz „lebe“…..)

    1. Danke für diesen sehr anregenden Kommentar, Lady Sara. Ich freue mich ganz besonders darüber, von einer Kollegin hier zu lesen. Wenn ich etwas Muße habe, mag ich mich gerne mehr darauf beziehen. Herzliche Grüße inzwischen von mir!

      1. Super, freut mich 🙂

        Falls du die Links nicht unpassend findest, kannst du auch gern mal auf meine ausführlicheren Gedanken rund um „DS leben oder spielen“ oder „Möglichkeiten bzw. Grenzen von gelebtem statt inszeniertem D/S im professionellen Kontext“ verweisen, die sich unter
        https://www.domina-frankfurt.net/vorlieben/sklavenvertrag.html und https://www.domina-frankfurt.net/vorlieben/submission-devotion.html finden.

        (Ich verstehe es aber natürlich auch, wenn du externe Links dazu grundsätzlich nicht in deinem Blog freischalten möchtest. Entscheide einfach selbst, ob es paßt….)

    2. Vielen Dank, Lady Sara, deine Links habe ich gerne veröffentlicht. Die Texte finde ich sehr informativ und interessant. Mir ist allerdings wichtig, dass deine Zusammenfassung über meinen Standpunkt zum Thema Wünsche und Wünsche erfüllen nicht so einseitig stehen bleibt. Da gibt es ja genau die Differenzierung meinerseits zwischen Wunsch und Bedürfnis und eben auch weiter unten noch die Diskussion, die ich mit E. führe, wo ich mich auch komplexer positioniere.
      Mir ging es gerade darum, das Thema zur Diskussion zu stellen und freue mich über die Beiträge dazu. In meiner Tätigkeit erlebe ich es mitunter so, dass Sklaven sich wünschen, dass ich aktiv einbringe, tue und fordere, was sie sich insgeheim (vielleicht nicht einmal bewusst) wünschen. Gleichzeitig ist es mitunter eine Hürde, sich dazu zu äußern, da der Sklave erleben und spüren will, dass ich dabei tue, was mir wirklich Spaß macht. Ich finde das herausfordernd, weil ich die insgeheimen Wünsche natürlich nicht kenne und das, was mir im Moment Spaß macht unter Umständen nicht kompatibel ist mit dem, was sich der Sklave wünscht. Und das ist für mich eine Art paradoxes Thema, das mich immer wieder neu fordert. Aber das ist auch gut so auf der anderen Seite. Spannend.

      1. Liebe Sharka, stimmt – auf die Frage nach dem Bedürfnis bin ich gar nicht näher eingegangen. Vermutlich haben alle Menschen, egal ob aktiv oder passiv, sadistisch oder masochistisch, dominant oder devot, vanilla oder bdsm, sexuell aktiv oder sich gar als asexuell bezeichnend irgendwelche erotischen Bedürfnisse. Und einige dieser Bedürfnisse können ganz oder beinah bis zur Vollständigkeit entgeltlich z.B. von einer Profi-Domina oder einer professionellen Sklavin oder von einer Hure oder von einer Erotikmasseurin o.ä. erfüllt werden, andere nur partiell und andere überhaupt nicht. Manche Bedürfnisse vielleicht nur von Partner/inne/n, andere vielleicht gar nicht von anderen Menschen.

        Mir selbst ist es immer wichtig, daß mir meine Kund/inn/en ihre konkret benennbaren Wünsche äußern, denn ich lege meinen Schwerpunkt professionell ganz bewußt auf’s Service Topping – ich kenne es aber trotzdem auch, daß Kund/inn/en sich wünschen, daß sie sich eben nicht dazu äußern müssen und ich „nur tue, was mir Spaß macht“. Dabei ist dann oft wieder der Begriff „Spaß“ zunächst schwammig, und oft bestehe ich an dieser Stelle auf ein sehr ausführliches und kostenpflichtiges längeres Vorgespräch, um gegenseitig zu klären, welche Passionen in welcher Weise eben realistisch kompatibel sind oder wo sich der Anfragende vielleicht auch nicht klargemacht hat, dass mit meinem echten Spaß (falls nicht nur echte Spielfreude, sondern auch authentische Erregung gemeint ist) auch meine echten Bedürfnisse und damit auch gewisse Anforderungen an ihn -bzgl. Fürsorge, Flexibilität, Aftercare etc.- einhergehen, denen er sich vermutlich gerade durch die Inanspruchnahme eines paid dates entziehen möchte. Das werden teils sehr interessante Gespräche, aufschlußreich für das Gegenüber und danach wird dann neu entschieden, ob’s nicht doch lieber doch ein „service topping“ für den zahlenden Gast werden soll, weil dieser eben gewisse nicht-monetäre Verantwortlichkeiten/Verpflichtungen/Zugeständnisse (verständlicherweise!) durch ein paid date doch gerade umgehen will….

        Ja, du hast recht, das Thema ist komplex. Vielen deiner übrigen Punkte aus deiner Erörterung kann ich auch ganz klar 1:1 zustimmen. Herzliche, kollegiale Grüße & vielen Dank für die Freischaltung „meines Senfs“ dazu 🙂 Sara

        1. Liebe Sara,
          es überrascht mich, wie du das handhabst in der Praxis. Ich habe kurz überlegt, wie ich das Gefühl ausdrücke … das Wort „überraschen“ trifft es nicht ganz, aber ich fand das passende Wort nicht. Es ist eine Mischung zwischen erstaunter Neugier (verbunden mit einer Idee von – ah, da gibt es jemand, die vielleicht weiß, wovon ich spreche und Antworten hat) und Faszination (was, echt? Die Menschen lassen sich tatsächlich darauf ein, deren Anliegen – obendrein kostenpflichtig – zu reflektieren?) und abgeklärt (na hör mal, du bist seit bald 30 Jahren im Metier und hast enorm viel Erfahrung und da will dir jemand erzählen, wie es geht, dass es stimmig ist) und dann noch ein Schuss Selbstkritik (die sich immer hinter Abwertung verbirgt). Du regst da also einige innere Knöpfe an bei mir. Danke dafür! Dazu will ich noch bemerken, dass ich bis auf die Posts hier und einen prüfenden Blick auf deine Links noch nichts von dir gelesen, gehört oder gesehen habe bis zu diesem Zeitpunkt. Also ich unterhalte mich mehr oder weniger „out of the blue“ hier mit dir, was einen Hauch von Erotik hat erstaunlicherweise. Eine neue Erfahrung.
          Nächtlichen Gruß! Sharka.

          1. Liebe Sharka,

            der „Hauch von Erotik“ hat mich gefreut.

            Ich will dich keineswegs belehren, wie „das geht“, sondern nur berichten, wie ich selbst es handhabe. Ich glaube fest an die Vielfalt von BDSM und somit auch an unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche unten den verschiedenen Herrinnen/Ladies/Dommes/Tops etc. -aus der Vielfalt ergibt sich dann, daß es nicht „den richtigen Weg“ gibt. Wir sprechen höchstens dann auch unterschiedliche Sklaven/Subs/Bottoms etc. an, aber das ist ja durchaus okay. Vermutlich wären deine Stammgäste nicht glücklich bei dir und meine ebensowenig bei dir – und keineswegs lassen alle Anfragenden sich ein, kostenpflichtig etwas zu reflektieren, sondern einige springen an dem Punkt dann einfach ab, was wiederum für mich dann auch okay ist…

            Ich bin übrigens selbst nur zufällig auf deiner Blogseite gelandet, eigentlich hatte ich nach irgendwas anderem gegoogelt, aber dann hatte ich mich in dem Thread verfangen und spontan beschlossen, ihn zu kommentieren ….

            Liebe Grüße, Sara

    3. Liebe Sara, jetzt habe ich doch mal einen etwas näheren Blick auf deine Seite geworfen. Wow – wie komplex und differenziert und detailliert du die aufgearbeitet hast. Das ist beachtenswert.
      Was trotz aller Komplexität dennoch durchscheint, ist, dass du wirklich Leidenschaft für BDSM zu haben scheinst und dass du dich engagierst und außerdem wohl überdurchschnittlich gebildet bist. Ich bin aber echt überrascht, dass das, was sich fast wie „Wissenschaft“ liest bei den Kunden und Gästen sinnlich landet. Ich denke in meinem Fall schon oft, dass meine – im Vergleich zu dir nur ansatzweise – komplexen Ausführungen sicher keinen interessieren oder eher abturnend wirken und forsche nach einer guten Mischung zwischen sachlicher Information/Verhandlung/Abgrenzung und sinnlicher einladender Anregung, die einigermaßen simpel und überschaubar bleibt. Alle Achtung, dass du hier alle Register ziehst.
      Guten Wochenstart! Sharka

      1. Danke für die Komplimente. Hat mich super gefreut 🙂

        In der Tat ist mir bewußt, daß ich einige potentielle Interessenten mit meiner Herangehensweise „abschrecke“, das ist z.B. auch im Dominaforum immer mal wieder diskutiert worden. Aber für mich und für einige Menschen, die bei mir dann tatsächlich Kunden werden, funktioniert es.

        Auch dir einen guten Wochenstart.

        1. P.S. Als ich dir gestern geschrieben habe, war ich etwas in Eile. Hier nochmal kurz eine Erläuterung, nach welchen Kriterien ich meine „Regeln“ aufgestellt habe:

          a) ich bin privat auch selbst passiv und habe mich daran orientiert, wie beim privaten BDSM die Sessions und Sessionvorbereitungen/vorabsprachen ablaufen bzw. ablaufen müssen, damit ich mich damit selbst wohlfühle -> auf dieser Basis habe ich mir überlegt, was im Falle eines paid dates dann abgewandelt werden könnte/müßte, damit es für mich aus Konsumentinnen-Sicht auch noch stimmig wäre

          b) Erfahrungen als Kundin von professionellen Dominas hatte ich zum damaligen Zeitpunkt selbst noch nicht gemacht, aber als Kundin von anderen professionellen Erotikdienstleisterinnen, also lag mir auch eine gewisse „Freierinnen-Perspektive“ zugrunde

          c) außerdem erinnerte mich an einen Mann aus der privaten BDSM-Community, der sich in unserem damaligen Stammtisch öfter mal darüber beklagt hatte, daß er sich zwar Profi-Dominas gelegentlich leisten würde, aber dort nie selbst so richtig zufrieden war : als ich dann später die kommerzielle Branche kennenlernte, konnte ich das spontan nachvollziehen, weil sich meine eigenen passiven „Bedürfnisse“ dort ebenfalls nicht hineinprojizieren ließen – ich dachte mir dann, wenn es für mich nicht passen würde und für diesen Bekannten auch so auch nicht gepaßt hatte, dann gäbe es vielleicht noch mehr Menschen, denen es ähnlich ergeht -> das ermutigte mich, den Gedanken aus a) fortzuspinnen, obwohl unbestritten ist, daß es bei anderen Herrinnen eben auch viele zufriedene Stammkunden gibt.

          Meine Beobachtungen und Überlegungen führten zum Schluß, daß manche Bottoms eben anders „ticken“ als andere, andere Wünsche/Bedürfnisse sowohl an passiven BDSM ganz generell als auch speziell an passiven BDSM im professionellen Kontext haben.

          d) Abgesehen davon, was ich über die Bottom-Perspektive dachte, analysierte ich natürlich auch meine Erfahrungen als private und als professionelle Top. Und da ich als professionelle Top mit einigen Aspekten der Tätigkeit so unglücklich war, weil ich mich „verbogen“ fühlte, daß ich die Tätigkeit ohnehin beinah wieder eingestellt hätte, hatte ich auch nichts zu verlieren, als ich beschloß, mein eigenes Konzept zu entwickeln und mir zu überlegen, welche Rahmenbedingungen ich für mein eigenes Wohlbefinden als (bezahlte) Top bräuchte. Einiges davon war laut Aussage von erfahrenen Kolleginnen (wie jetzt von dir, Sharka) undurchsetzbar gegenüber einer breiten Masse, aber ich war auch mit einem Nischenklientel ganz glücklich und probierte einfach, meine Vorstellungen durchzusetzen. Als ich die Webseite erstellte, wußte ich nicht, ob das „Projekt“ floppen würde. Aber zwischenzeitlich habe ich es sogar mehr und mehr ausgebaut und modifiziert und teils noch höhere Hürden für die Vorselektion der Kundschaft errichtet – das stellt dann im Gegenzug recht zuverlässig sicher, daß es dann bei den zustandekommenden Dates auch wirklich gut zwischen uns funktioniert. Die beiderseitige Enttäuschungsquote dürfte dadurch drastisch gesunken sein. Allerdings muss ich der Fairneß halber auch erwähnen, daß ich die Tätigkeit nur nebenberuflich ausübe und mir das gewisse Freiheiten läßt, auch mal wissentlich potentielle Spielpartner/innen vorab zu desillusionieren, wenn ich eben selbst skeptisch bin, ob wir gut zueinander passen.

          In meinem Blog habe ich unter https://www.domina-frankfurt.net/blog/privatdomina.html auch dazu noch ein paar selbstanalytische und konzeptionelle Gedanken niedergeschrieben. Ich denke, es war/ist mir wichtiger als den meisten Vollzeit-Dominas, daß auch die eigenen intellektuellen Bedürfnisse (im Bezug auf die zugrundeliegende BDSM-Philosophie) in den Begegnungen und Vorbereitungen Platz finden…. ich habe tatsächlich den (traumtänzerischen?) Anspruch, bis zu einem gewissen Grad auch von meinen Kunden „gesehen“ und nicht nur monetär in meinen Bemühungen für ein gutes Playdate wertgeschätzt zu werden….

  4. Anbei ein paar Gedanken bei denen ich mir noch alles andere als sicher bin, wahrscheinlich ist auch der der rote Faden noch nicht sichtbar. Vielleicht taugt es trotzdem als Einstieg.

    Der Text ist sehr interessant. Die Überlegungen zu den Bedürfnissen erinnern mich auch an das Modell von Maslow in dem zwischen verschiedenen Bedürfnissen unterschieden wird, die nacheinander, überlagernd und wechselseitig nach Erfüllung streben. In der Wikipedia findet sich da eine von der Pyramidenform abweichende Form der Darstellung, die die teilweise Durchdringung der Bedürfnisse illustriert.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnishierarchie#/media/File:Dynamische_Darstellung_der_Bed%C3%BCrfnishierarchie_nach_Maslow.svg

    Ein zweiter Aspekt, der mir in den Sinn kam, ist die Individualisierung unserer Gesellschaft. Die Bedeutung des Sozialen und der Kooperation treten hinter dem Anspruch der individuellen Selbstverwirklichung immer mehr in den Hintergrund. Moderne und erfolgreiche Menschen sind individuell und können sich alle Wünsche erfüllen. Dieses Menschenbild befördert m.E. dass die Grenze zwischen Bedürfnis und Wunsch immer mehr verschwimmt und die (zwanghafte) Wunscherfüllung überhand gewinnt. Dann ist der Weg zum Narzissmus nicht mehr weit. Im oben verlinkten Bild rückt der rote individuelle Bereich immer weiter nach rechts und verliert den Kontakt zu den sozialen Bedürfnissen.

    Das wären meine ersten Gedanken dazu. Die Frage nach dem Zusammenhang mit BDSM finde ich sehr schwierig. Ich habe da eine Ahnung, dass da die Bedürfnisse nur sehr schwer beschreibbar sind. Was noch zur Verwirrung beiträgt ist die Abgrenzung zwischen Rolle und Praktik. Wenn der devote Part eine Liste an Praktiken hochhält, die der/die Dominante abzuarbeiten hat, dann sind die devoten und dominanten Aspekte der Rollen doch vertauscht – oder? Das wäre die verkehrte Welt der Wunscherfüllung. Ich erinnere mich an einen anderen Text im Blog in dem das „machen Sie was Sie wollen“ zu einem ganz anderen (und nicht erwünschten) Ergebnis geführt hat.

    Wenn die Rollenverteilung aber wirklich angenommen wird, müssen die Wünsche bewusst zurückgestellt werden. Das heißt ja nicht, dass der eine oder andere doch erfüllt wird 😉 – zumindest gibt es keinen Anspruch auf Erfüllung. Das heißt die Annahme der devoten Rolle ist mit Autonomieverlust, Hingabe, Verzicht und Vertrauensvorschuss an die/den Dominante(n) verknüpft. Das sind schwergewichtige Begriffe. Beschreiben die das Bedürfnis? Und wie sieht dann die Angst aus, die dieses Bedürfnis weckt?

    1. Oh, was für ein spannender, interessanter und differenzierter Beitrag. Da werde ich mich gerne tiefer einlesen und meine Gedanken, Ideen, Erfahrungen dazu schreiben. Danke.

    2. So, jetzt habe ich mir das nochmal genauer angeschaut. Und das ist wirklich scharf beobachtet.
      Und was nützt es, frage ich mich? Mir geht es ja wirklich darum, Sessions zu gestalten, die Bedürfnisse auch tatsächlich befriedigen und dass es nachhaltig ist.
      Und so finde ich das, was Sie schreiben – ach, ich bleib doch lieber beim Du – über die Schwierigkeit, die Bedürfnisebene überhaupt beschreiben zu können im BDSM Kontext interessant.
      Es gibt 3 Themen, die mir dazu einfallen konkret:
      Ein starkes Bedürfnis in BDSM ist ganz sicher, Kontrolle und Verantwortung abzugeben, z.B. dadurch dass er die Dominanz seines Gegenübers richtig spürt.
      Ein weiteres Bedürfnis, das ich wahrnehme, ist, der Lust der Herrin wirklich zu dienen … also der Herrin spürbar Freude zu bereiten (wobei es da viel Projektionsspielraum gibt) … und das Dritte ist, dass ich manchmal den Eindruck habe, dass Männer sich eher schwer tun, sich einzugestehen, überhaupt Bedürfnisse zu haben. Da könnte, glaube ich, noch mehr Aufmerksamkeit darauf liegen.
      Doch dann noch die Rollenebene. Darf eine Herrin sich überhaupt um die Bedürfnisse ihres Sklaven kümmern oder fällt sie dann aus der Rolle? Ich finde, eine gute und erfahrene Herrin darf das, denn was soll sie auf längere Sicht davon haben, eine „One-Woman-Show“ zu veranstalten. Schließlich geht es dabei ja auch um Beziehung und wenn sie sieht und spürt, dass der Sklave sich ihr anvertrauen kann, erlebt sie das auf der dominanten Seite genauso intensiv und erfüllend.
      Zu intellektuell und theoretisch will ich hier nicht antworten, denn es soll ja die Lust und Sinnlichkeit in den Rollen und das sich darin Erleben angesprochen sein.

      1. Die Frage „Was nützt es?“ hatte ich mir auch gestellt. Deine (Danke!) drei Punkte haben in meinem Gedankengang gefehlt. Jetzt sehe ich da viel klarer.

        In den Punkten 1 und 2 da sehe ich echte und tiefe Bedürfnisse. Punkt 3 sehe ich auch so, das klassische Männerbild negiert Bedürfnisse gerade zu. Dazu fällt mir gerade der blödsinnige Spruch „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ ein.

        Zur Rolle … aus meiner persönlichen Sicht stellt sich die Frage so gar nicht. In meinen Augen zeichnen gerade das Intereresse und das Kümmern um die Bedürfnisse eine gute Herrin (bzw. jeden Top) aus.

          1. … und jetzt noch mal „Ja“ … eine gute Herrin kümmert sich um Bedürfnisse, manchmal auch um die unausgesprochenen oder unsichtbaren. Vertrauen, Hingabe und Verantwortung fallen mir da noch als Begriffe zum Weiterdenken ein.

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